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Geschichte 2 Das Zahlenspiel – 20 Mühlen und 57 Mühlsteine (Mahlwerke)

31.07.2025 by slrastoke

Nikola Štefanac Štigle ist 67 Jahre alt und wurde in Rastoke im Haus Nummer 7 geboren.

Die ersten drei Häuser in Rastoke gibt es nicht mehr, weil die Landstraße D-1 über ihre ehemaligen Standorte verläuft. Die Eigentümer dieser Häuser wohnten an anderen Standorten. Es ist jedoch bekannt, welche Häuser Mühlen besaßen und welche nicht. „So hatte Haus Nummer 4 keine Mühle, Haus Nummer 5 jedoch schon. Zwischen Haus Nummer 11 und 12 hatten die Besitzer drei Mühlsteine (Mahlwerke) und einen Korb, was ein Vorläufer der heutigen Waschmaschine war. Statt einer Mühle beherbergte Haus Nummer 6 eine Schmiede oberhalb des Wohnbereichs sowie eine Werkstatt, in der Opanken gefertigt wurden. Die Häuser Nummer 7 und 8 besaßen ein gemeinsames Mahlwerk, ausgestattet mit vier Mühlsteinen, zwei Körben und einer durch Wasserkraft angetriebenen Kreissäge. Auch Haus Nummer 9 besaß ein Mahlwerk, das mit zwei Mühlsteinen und einem Korb ausgestattet war. In Haus Nummer 10 befand sich eine Mühle mit drei Mühlsteinen und einem Korb, der für das Waschen von Decken, Filzsocken und anderer Kleidung genutzt wurde. Haus Nummer 11 war mit einem Mahlwerk, drei Mühlsteinen und einen Korb ausgestattet; Haus Nummer 12 hingegen verfügte über zwei Mahlwerke mit insgesamt fünf Mühlsteinen. Neben einem Mühlstein im Mahlwerk verfügte Haus Nummer 13 auch über eine Kreissäge mit Hobelvorrichtung und einen Korb. Haus Nummer 14 war mit einem Mahlwerk und drei Mühlsteinen ausgestattet, während sich in Haus Nummer 15 eine Mühle mit zwei Mühlsteinen und einem Korb befand. In Haus Nummer 16 befand sich ein Mahlwerk mit zwei Mühlsteinen, während Haus Nummer 17 über ein Mahlwerk mit drei Mühlsteinen verfügte. Haus Nummer 18 verfügte über ein Mahlwerk mit zwei Mühlsteinen, einem Sägeblatt und einer Hobelvorrichtung. Die Häuser Nummer 18 und 19 besaßen ein gemeinsames Mahlwerk, das drei Mühlsteine und ein Sägewerk mit Wasserkraftantrieb umfasste. Interessant ist, dass die Häuser 20 und 21 ein gemeinsames Mahlwerk unter einem Dach nutzten, wobei jedes Haus zwei Mühlsteine besaß. Haus Nummer 22 hatte ein Mahlwerk mit zwei Mühlsteinen und einem Korb. Haus 23 hatte drei Mühlsteine und einen Korb. In Haus 24 befand sich ein Mahlwerk mit zwei Mühlsteinen und einem Gerät zur Schälung von Gerste (für den Verzehr). Die Häuser Nummer 25, 26 und 27 waren jeweils mit einem Mahlwerk und zwei Mühlsteinen ausgestattet. Haus Nummer 28 verfügte über ein Mahlwerk mit zwei Mühlsteinen und einem kleinen Müllerzimmer. Haus Nummer 29 verfügt über ein Mahlwerk mit zwei Mühlsteinen und ein kleines Wassersägewerk. Haus 30 hatte ein Mahlwerk mit drei Mühlsteinen und einen Korb.“ Nikola, auch Štigle genannt, hat alles so schön festgehalten. Damit man nicht selbst nachrechnen muss: In Rastoke waren früher, soweit er sich erinnert, 57 Mühlsteine (Mahlwerke) in 20 Mühlen in Betrieb.

 

Das Leben am Wasser

Man fragt sich oft oder denkt darüber nach, wie die Bewohner von Rastoke mit so viel Wasser zurechtkamen. Immer wieder werde er gefragt, sagt Nikola, ob in den Holzhäusern Feuchtigkeit ein Problem gewesen sei, und er führt aus: „Die Häuser waren zum Teil aus Holz, und zwar nicht nur aufgrund der Konstruktion, sondern gerade wegen der Feuchtigkeit. Die unteren Teile bestehen vorwiegend aus Stein, die oberen aus Holz. Man schlief in den oberen Räumen, die stets gut durchlüftet und trocken waren. Der steinerne Bereich bot uns Schutz vor der Hitze. Dank der dicken Mauern war es im Sommer kühl und im Winter warm. Ach ja… Dort gab es Feuchtigkeit, die durch das Heizen des Holzofens zum Kochen ausgeglichen wurde.“ Es wurde darauf geachtet, dass kein Hochwasser entstand. Da dies eine Daueraufgabe war, beteiligten sich alle an der Wasserregulierung, wenn der Pegel stieg. Man war sich in dieser Sache einig. Nachbarn unterstützten sich gegenseitig. Zum Beispiel: Die Familie Belk öffnete eine Schleuse, Braco eine weitere, die Skukans hoben die dritte, und dadurch stieg auch der Damm bei uns hier unten an der Vodena ovca. Ein zusätzlicher Damm befand sich vor dem Wehr und das gesamte Wasser floss in den Wasserfall und in die Korana. Alles wurde durchgelassen. Regulierungsmaßnahmen waren notwendig, da Instandhaltung extrem wichtig war. Das ist einer der entscheidenden Aspekte des Lebens in Rastoke.

Nikola teilt zudem eine spannende Geschichte über die Brücken, die die Mühlen, Wohnhäuser, Gärten und die kleinen Hofinseln miteinander verknüpften. Dabei enthüllt er ein interessantes Detail über die Alte Brücke. „Die Alte Brücke bestand aus zwei Pfeilern und steinernen Widerlagern, während ihre obere Konstruktion komplett aus Holz war. Komplett zerstört im Zweiten Weltkrieg, wurde die Brücke 1943 wiederaufgebaut. Dabei nutzte man die eingestürzten Steine der ursprünglichen Pfeiler. Die Konstruktion orientierte sich an einer Eisenbahnbrücke, die man bei Rečica (nahe Karlovac) entdeckte und nach Slunj übertrug. Da die Konstruktion nicht lang genug war, um die Brücke komplett zu überspannen, wurden auf einem Abschnitt Profile und auf dem anderen Teil diese Eisenkonstruktion angebracht. Aus diesem Grund steht dort nun ein Pfeiler, dessen Bauweise auf der gefundenen Eisenkonstruktion basiert. Einmal fragte mich ein österreichischer Oberst, der Kroatisch sprach und älter war als meine 1930 geborene Mutter, ob ich den Ursprung der Brückenkonstruktion kenne. Ich erwiderte: „Nein, nur dass sie aus der Gegend von Rečica stammt.“ Er daraufhin: „Darf ich einen Blick darauf werfen und begleitest du mich?“ Er hatte herausgefunden, dass die Brückenkonstruktion in Klagenfurt, Österreich, gegossen wurde.

 

Die Mühle und ihre Müller

Obwohl Mühlen in Rastoke seit jeher existieren, war der Ort nicht immer bewohnt. Die ersten Gebäude zum Wohnen wurden um 1810 von den Franzosen gebaut. Die ersten beiden Wohngebäude wurden neben den Mühlen errichtet und dienten einer Militärbesatzung als Unterkunft, die dort ihre Mahlarbeiten verrichtete. Nikola berichtet aus seinen „gesammelten“ Erinnerungen: „Unsere Vorfahren erzählten, dass sie Linden anpflanzten, damit die Truppen im Vorbeimarsch Schatten finden konnten. Neben dem Magazin gab es eine Maulbeerplantage. Sie führten die Tepka-Birne ein, die später auf Schlehdorn gepfropft wurde. Dadurch verbreitete sich die Sorte und man stellte daraus ausgezeichneten Schnaps her. Es handelt sich dabei um eine halbwilde Birnensorte. Von den Österreichern stammte der Weinbau, der während der österreichisch-ungarischen Ära in Šušnjara und auf Lisac, unweit von Blagaj, etabliert wurde. Am Pliš und am Sokolovac, in der Nähe von Cvitović, wurden ebenfalls Weinreben angebaut. Die Franzosen brachten zwar auch Weinreben mit, waren jedoch nicht die Ersten, die sie in unser Gebiet brachten. Es kursierten Geschichten, dass es in Blagaj, nahe der Altstadt, eine Mineralwasserquelle gab, die zugeschüttet wurde, weil sie stark stank.

Jede Mühle hatte ihre Müller, loyale Kunden. Diese kamen aufgrund der Qualität des Mahlens, Freundschaft, Verwandtschaft und andere Verhältnissen, wie zum Beispiel über Empfehlungen. Nikola gab Aufschluss über die Entlohnung für die Mahlarbeit: „Die Entlohnung für die Mahlarbeit erfolgte durch den ušur. Man zahlte entweder mit Getreide oder in bar, stets 10 % der gelieferten Menge. In den Mühlen gab es die Maßeinheiten ujam (fünf Liter), četvrtinka (zehn Liter) und kabal (zwanzig Liter). Alle Behälter waren aus Holz und rund, lediglich der kabal war mit zwei Griffen versehen.“

Milan Holjevac, 1988.

Milan Holjevac, 1988.

„In den Sommermonaten bevorzugten die Menschen die frühen Morgen- oder späten Abendstunden für ihre Ankunft. Der Grund dafür war, dass ihr Vieh, das für den Getreidetransport zum Mahlen eingesetzt wurde, so vor der Hitze geschützt war. Es war allgemein bekannt, dass sich für manche Müller die Wartezeit aufs Mahlen hinzog. Sie wurden entweder mit warmen Pogatschen oder einem Mittagessen versorgt. Beim Mahlen wurden allerlei Geschichten zum Besten gegeben. Als Sechsjähriger hörte ich eine besonders faszinierende Erzählung eines Mannes aus dem Ort Marindolsko Brdo, die ich mir sehr gut merken konnte. Sie geht so: ‚Hört gut, was ich euch jetzt erzähle. Dieser Junge wird das ganz sicher noch erleben, wir wohl eher nicht. Krieg wird unsere Gegend heimsuchen und zahlreiche Menschen werden sterben und ihre Heimat verlassen, doch ein kleiner Teil wird in die Dörfer zurückkehren. Wer zurückkehrt und bleibt, wird für eine Weile von Wildtieren vertrieben werden und keine Nahrung mehr anbauen können‘“, erzählt Nikola.

 

Schmiede und Holzhandwerker waren gut beschäftigt

Es gab Schmieden in Rastoke und eine davon befand sich direkt hinter dem Haus von Nikolas Vorfahren. „Mein Großvater hatte einen Bruder, der als Schmied tätig war. Die Schmieden hatten vor allem wegen der Tiere, der Pferdebeschläge und der Notwendigkeit, Pflugscharen zu reparieren sowie Steinbearbeitungswerkzeuge anzufertigen, viel zu tun. Als in den 1950ern die Tonković-Brücke errichtet wurde, erlebten die Schmiede ihre Hochphase, denn alle Arbeiten wurden noch von Hand ausgeführt.“

„Auch Holzhandwerker und Schreiner waren da, um die Mühlen zu errichten“, so Nikola, der ergänzt: „Ohne Holz und Stein lässt sich keine Mühle errichten. Schreiner und Schmieden waren das Fundament. Zum Schärfen der Mühlsteine wurden spezielle Meißel (klepci) benötigt. Der Mühlstein für Weizenmehl erfordert eine besondere Schleiftechnik (Klopfen). Dieser ist so beschaffen, dass er während der Rotation von beiden Seiten den Weizen schält, anstatt ihn zu zerdrücken. Der andere wird so bearbeitet, dass er zerdrückt. Er muss Mais, Hafer, Gerste und andere Getreidesorten zerdrücken. Der Mühlstein wird mit einem Mauerziegel eingefärbt und alles Rote muss abgeklopft werden, damit er scharf wird. Jeder Müller übernahm das Schärfen selbst.  Während des Mahlbetriebs war es notwendig, die Mühlsteine bis zu dreimal die Woche zu schärfen, denn die Mahlqualität litt sonst“, erzählt Nikola. „Es gab ein axtähnliches spitzes Werkzeug, das man zum Schmied brachte, um es härten und bearbeiten zu lassen, und damit wurde dann geklopft. Es wurde auf einen Holzgriff montiert und man klopfte damit leicht. Aus diesem Grund hatten die Müller oft steinartige Verhärtungen an den Händen, die als bleibende Narben zurückblieben. Wenn der Stein zerspringt, dringt er in die Haut ein. Ist das Stück größer, lässt es sich entfernen; ist es kleiner, bleibt es stecken. Aus diesem Grund waren die Hände der alten Einwohner von Rastoke von Steinsplittern übersät.“

 

Der richtige Stein für das beste Mehl

Für gutes Mehl brauchte es auch einen guten Stein. Nikolas Onkel war ein Experte für Mühlen. Er hatte viel von ihm gelernt und gab sein Wissen und Können durch Ratschläge an die jüngeren Einwohner von Rastoke weiter, wenn es nötig war, denn diese hatten vieles bereits selbst oder von ihren Vorfahren gelernt.

„Übrigens reisten unsere Vorfahren kreuz und quer durch Kroatien, sogar bis nach Slowenien, Serbien sowie Bosnien und Herzegowina, um gute Steine zu finden. Dort kauften sie Steine in den dortigen Steinbrüchen und ließen sie dann weiterverarbeiten. Ein Stein sollte härter, der andere ein wenig weicher beschaffen sein. Um den Weizen zu schälen und so eine größere Mehlmenge zu gewinnen, wurde der Mühlstein mit einem speziellen Werkzeug bearbeitet. Seine konische Oberfläche sorgte zudem dafür, dass das Mehl effizient aus dem Mahlwerk in den Behälter herausgeworfen wurde“, erklärt Nikola.