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Die Feengeschichten der Slunjčica

23.01.2026 by slrastoke

Anitas Geschichten aus der mündlichen Überlieferung ihrer Großmutter, Roza Obajdin (geb. Špelić).

Foto: Vedran Božičević

Foto: Vedran Božićević

Über Generationen hinweg werden in Slunj und der näheren Umgebung Geschichten über Feen und geheimnisvolle Kreaturen überliefert, die mit der Natur und dem Übernatürlichen verbunden sind.

Feen gelten in dieser Gegend als mächtige und unberechenbare Wesen. Obwohl sie als wunderschöne junge Frauen beschrieben werden, kann man ihnen niemals trauen. Oft weisen Feen übernatürliche Merkmale auf, wie beispielsweise Ziegen- oder Pferdehufe. Überlieferungen zufolge findet man sie vorwiegend in dichten Wäldern, Höhlen sowie an Quellen und am Fluss Slunjčica. Allerdings betreten sie gelegentlich auch Höfe.

Foto: Vedran Božičević

Foto: Vedran Božićević

Eine der berühmtesten Geschichten stammt aus Rastoke. Die Überlieferung besagt, dass die Feen sich nachts die Pferde holten, die die Müller unter den Weidehütten festgebunden hatten. Bei Tagesanbruch kehrten die Pferde müde und verschwitzt zurück, mit zu Zöpfen verflochtenen Mähnen. Morgens wuschen die Feen ihre Wäsche am Fluss, tanzten den Reigentanz und luden die Müller ein, sich ihnen anzuschließen. Man vermutet, dass sich die Feen noch heute am Wasserfall Vilina kosa (‚Feenhaare‘) versammeln.

Anita Janković (rođ. Obajdin) sa svojom djecom

Anita Janković (geb. Obajdin) mit ihren Kindern

Zu dieser Geschichte fügen wir die Erzählungen von Anita Janković (geb. Obajdin) hinzu. Ihr Geburtsort ist Slunj. Die ersten zehn Jahre ihrer Kindheit verbrachte sie in Podmelnica bei Slunj. Wegen des Krieges 1991 verließ sie Slunj und zog mit ihren Eltern nach Karlovac, wo sie noch heute lebt. In jeder freien Minute kehrt sie in ihre Heimatstadt zurück. Dort besucht sie mit ihren Kindern ihr Geburtsheim und ihre Eltern, die nach der Befreiung dorthin zurückgekehrt sind. Voller Stolz bezeichnet sie sich selbst als „karlovačka Slunjanka“ (‚Karlovacer Bewohnerin von Slunj‘)!

Anitina baka i djed - Roze i Mile Obajdin Ban

Anitas Großmutter und Großvater – Roze und Mile Obajdin Ban

Anita hielt alle Erzählungen ihrer Großmutter Roza fest, die vor allem bei Stromausfall bei Kerzenschein erzählt wurden. Gelegentlich beteiligte sich auch Großvater Mile (Ban) am Erzählen und steuerte etwas bei. Diese Erzählungen leben auf ihre eigene Weise bis heute fort. Anita erinnert sich mit Wehmut daran, wie Großmutter Roza vor jeder Erzählung betonte, man müsse manchmal innehalten und die Stille respektieren – besonders in den Stunden, in denen es dunkel wird oder der Tag gerade erst geboren wird. Dies ist die Stunde der Feen, in der sie auf Höfen ihre Reigentänze tanzen und in der man sich ihnen besser nicht in den Weg stellen sollte.

Foto: Vedran Božičević

Foto: Vedran Božičević

Nachfolgend lesen Sie einige Geschichten, die aus der Tonaufnahme übernommen und nur minimal an die Textform angepasst wurden.

 

 

Foto: Vedran Božičević

Foto: Vedran Božičević

Achte auf deine Worte, denn die Feen könnten dich zu sich holen!

Eine Geschichte geht auf die Kindheit meiner Großmutter zurück. Sie stammt aus Lumbardenik, einer Siedlung im Stadtgebiet von Slunj.

Es war seinerzeit üblich, dass die Erwachsenen ihre Kinder zum Wasserholen an die Slunjčica schickten. In einer Familie lebten zu dieser Zeit zwei Schwestern. Die Jüngere ging immer hinter der Älteren her. Die ältere Schwester war streng dagegen und wies die Jüngere ab: „Geh mir aus dem Weg, verschwinde! Ich gehe ohne dich, du störst mich nur! Du läufst mir ständig hinterher!“

Die Jüngere gab jedoch nicht auf. Wütend sagte ihre ältere Schwester zu ihr:

„Mögen die Feen dich holen!“

Kurze Zeit später fiel ihr auf, dass ihre jüngere Schwester weg war. Sie war einfach nicht mehr da. Sie war verschwunden. Die Leute suchten tagelang nach ihr, konnten sie jedoch nicht finden.

Man entdeckte sie erst Tage später in einer Höhle bei der Slunjčica, wo sie an einer Art Efeuwurzeln („sekazula“) festhing. Ihr Mund und ihr Gesicht waren völlig verschmutzt. Die Feen fütterten sie nämlich mit verschiedenen Wurzeln und Höhlenkräutern.

Niemand glaubte wirklich an die Geschichte des von Feen entführten Mädchens – und zwar wegen der Worte ihrer älteren Schwester: „Mögen die Feen dich holen!“ Die Leute waren jedoch bald davon überzeugt, dass das Mädchen trotz seiner Rettung für immer verändert blieb. Im Geist war es zurückgezogener und wirkte, als gehöre es nicht mehr ganz in diese Welt.

Tragischerweise ertrank das Mädchen in ihren jungen Erwachsenenjahren.

 

 

Foto: Vedran Božičević

Foto: Vedran Božičević

Die Feen dürfen nicht wissen, dass du sie gesehen hast

Beim Waschen der Wäsche an der Slunjčica wurden oft Feen gesichtet – stets abends oder in den frühen Morgenstunden. Die Frauen bekamen sie oft zu Gesicht. Allerdings durfte man den Feen nicht zeigen, dass man sie gesehen hatte. Dann wurden sie nämlich frech und aufdringlich und spielten allerlei Streiche.

In aller Früh ging ein Mann von einer Dorfversammlung nach Hause und sah eine Fee. Da er glaubte, es sei eine Frau beim Wäschewaschen, sagte er laut: „Wer zum Teufel wäscht um diese Zeit Wäsche?“

Die Fee kam auf ihn zu und verabreichte ihm eine Ohrfeige. Danach war er ein halbes Jahr lang taub.

 

 

Foto: Vedran Božičević

Foto: Vedran Božičević

Feen flechten Pferdemähnen

Da das Mahlen der großen Getreidemengen tagsüber natürlich nicht erledigt werden konnte, ließen die Leute ihre Pferde oft über Nacht in Rastoke stehen.

Am folgenden Tag holten sie dann die Pferde und das Getreide ab. Am Morgen, nachdem die Pferde in Rastoke über Nacht warten mussten, fand man sie stets mit verknoteten Mähnen.

Oma sagte immer, dass die Pferde morgens erschöpft, außer Atem und nass waren – als wären sie die ganze Nacht geritten worden. Tatsächlich sind die Feen wohl die ganze Nacht auf ihnen geritten.

 

 

Foto: Vedran Božičević

Foto: Vedran Božičević

Statt eines schönen Mädchens – eine Fee mit Ziegenbeinen

Anita erinnert sich auch daran, dass laut einer Geschichte Feen Ziegenbeine hatten.

Oma erzählte immer davon, wie ihr Bruder abends mit dem Pferdewagen unterwegs war. Am Straßenrand stand eine schöne junge Frau, die er im Wagen mitnahm.

Und wie es der Zufall so will, sprach und lachte er mit der schönen Frau, bis er an einer Stelle nach ihrem Bein griff. Aber es war kein Bein einer hübschen Frau, sondern ein Ziegenbein.

 

 

Foto: Vedran Božičević

Foto: Vedran Božičević

Der Geist einer Mutter, die ihr Kind stillt

Nun folgt eine Geschichte, die sich nicht direkt um Feen dreht, sondern eher um Erscheinungen, von denen meine Großmutter häufig berichtete.

Sie erzählte, wie eine junge Mutter in Lumbardenik bei der Entbindung verstarb und das Neugeborene zurückließ.

Damals gab es noch keine Ersatznahrung wie heute. Alle waren in großer Sorge, ob das Kindchen überleben würde. Das Füttern scheiterte, da das Baby die Nahrung nicht annahm, die man ihm zu geben versuchte. Da es hungrig war, schrie das Baby ständig. Immer zu festen Zeiten in der Nacht hörte das Kind nach dem Weinen schlagartig auf zu schreien und daraufhin hörte man ein zufriedenes Schmatzen: „Schmatz, schmatz, schmatz“, als wäre es satt. Ein Mann soll die tote Mutter des Kindes – ihren Geist, der jede Nacht zurückkehrte, um das Baby zu füttern – gesehen haben.

 

 

Foto: Vedran Božičević

Foto: Vedran Božićević

Solche Geschichten haben uns vielleicht gelehrt, dass die Welt mehr ist als das, was wir bloß mit unseren Augen erfassen. Später werde uns dies klar, sagt Anita und fügt noch hinzu: „Hinter dem Schleier der Nacht und beim Klang des Wassers tanzen die Feen womöglich wirklich. Und alles, was man tun kann, ist, sie zu respektieren und ihnen niemals in die Quere zu kommen.“

 

 

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Unser Dank gilt den Freiwilligen, die Anitas Geschichte schriftlich festgehalten haben:

  • Vesna Jurić-Rukavina, Rastoke-Liebhaberin, Radiojournalistin und Redakteurin, Publizistin sowie Dokumentarfilmerin
  • Mira Vukošić, pensionierte Lehrerin
  • Vedran Božičević, Fotograf

 

 

Die Radiojournalistin, Redakteurin, Publizistin und Dokumentarfilmerin Vesna Jurić Rukavina brachte ihr Wissen und ihre Liebe zu Rastoke ein, um Anitas Geschichten in schriftlicher Form zu übertragen.

 

Die Radiojournalistin, Redakteurin, Publizistin und Dokumentarfilmerin Vesna Jurić Rukavina brachte ihr Wissen und ihre Liebe zu Rastoke ein, um Anitas Geschichten in schriftlicher Form zu übertragen.

Die Radiojournalistin, Redakteurin, Publizistin und Dokumentarfilmerin Vesna Jurić Rukavina brachte ihr Wissen und ihre Liebe zu Rastoke ein, um Anitas Geschichten in schriftlicher Form zu übertragen.